Der Almendrobaum und der große Soldatenara





October 2020
Written by: Sebastian Rotter
Translated by: Sebastian Rotter



Der wichtigste Baum, von dem Sie noch nie gehört haben: der Almendrobaum (von Spanisch almendra für „Mandel“) – sein wissenschaftlicher Name ist Dipteryx oleifera (zuvor Dipteryx panamensis) – ist einer von mehreren Mitgliedern der Pflanzengattung Dipteryx. Er findet sich gewöhnlich in den tropischen Regenwäldern Mittelamerikas, insbesondere in Nicaragua, Costa Rica, Panama und Kolumbien und wächst typischerweise bis zu einer Höhe von 40 bis 50 Metern. Der Almendrobaum ist die einzige Spezies der Gattung Dipteryx, welche von CITES - the Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora.

Damit wurde er eine von 32.800 gefährdeten Arten, welche in diese Liste aufgenommen wurden. Als internationales Abkommen zwischen 183 Regierungen zielt es darauf ab, den internationalen Handel von wilden Tieren und Pflanzen zu überwachen, um das Überleben dieser Arten sicherstellen zu können. Der Almendrobaum wurde in Costa Rica im Jahr 2003 und in Nicaragua im Jahr 2007 zur CITES-Liste hinzugefügt. Er wird im Appendix-III aufgelistet, was bedeutet, dass er zumindest im entsprechenden Land (respektive Costa Rica und Nicaragua) geschützt wird und seine Exporte kontrolliert werden müssen. Was macht diesen Baum so besonders, dass er auf dieser Liste landete?




Eine Schlüsselart

Der Almendrobaum wird als Schlüsselart (auch Schlüsselsteinart, von engl. keystone species) angesehen. Ein Schlüsselstein ist nach dem Cambridge Wörterbuch der wichtigste Teil eines Plans, einer Idee etc., von dem alles andere abhängt. In der Architektur ist der Schlussstein der mittlere Stein, der als letztes am höchsten Punkt eines Bogens oder einer Kuppel angebracht wird, um alle anderen Steine in Position zu halten. Daher nennen wir eine Pflanzen- oder Tierspezies, welche essenziell zur Funktion und zum Überleben eines ganzen Ökosystems ist, auch Schlüsselart. Ohne seine Schlüsselarten sähe ein Ökosystem sehr verschieden aus und wäre möglicherweise nicht mehr dazu in der Lage, sich an Veränderungen der Umwelt anzupassen, sollten seine Schlüsselarten jemals verschwinden. Der Almendrobaum ist eine der Schlüsselarten in seiner endemischen Region Mittelamerikas. Dies ist hauptsächlich wegen seiner Früchte der Fall. Diese wachsen sobald der Baum 11 oder 12 Jahre alt ist. Die große Menge und insbesondere die Verfügbarkeit der Früchte während der Trockenzeit – welche typischerweise von etwa Dezember bis April dauert – machen den Almendrobaum zu einem der Hauptaspekte im Überleben vieler Tierarten, die in den umliegenden Regenwäldern leben. Es wurde beobachtet, dass sechzehn verschiedene Säugetierarten und etwa 100 Vogelarten unmittelbar von den Früchten des Baumes während der Trockenzeit abhängen. Darüber hinaus ziehen diese sich von Früchten ernährenden Arten auch Raubtiere an, die während dieser Zeit ihre Jagdgebiete näher an die Almendrobäume verlagern. Wir können also erkennen, dass der Almendrobaum das erste Glied in der Kette des Überlebens in diesen Ökosystemen darstellt.



Der große Soldatenara

Einer der markantesten Nutznießer des Almendrobaums ist der große Soldatenara.





Der große Soldatenara (Ara ambiguus) ist ein sehr großer Papagei, typischerweise 85 bis 90 cm lang. Es wird geschätzt, dass etwa 2.500 Individuen des Papageis in Mittelamerika leben, darunter auch eine Unterart – der Ara ambiguus guayaquilensis – von welchen man von nur 30 bis 40 Individuen in Ecuador ausgeht, welches ihn zu einem der seltensten Papageien der Welt macht. Das farbenfrohe Aussehen des Vogels machte ihn zu einem beliebten Haustier in der Vergangenheit. Viele Vögel wurden aber auch für ihre bunten Federn getötet oder einfach von Landwirten erschossen, welche sie als Plage für ihre Höfe betrachteten. Der große Soldatenara wurde von CITES im Jahr 1985 als weltweite Appendix-I Spezies aufgelistet, was ihn für vom Aussterben bedroht erklärte. Im Jahr 2016 wurde er auch auf die Rote Liste gefährdeter Arten der Weltnaturschutzunion (engl. IUCN - International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) in die Kategorie gefährdet aufgenommen (zweithöchste Kategorie vor kritisch bedroht und schließlich ausgestorben). Doch die größte Gefahr für das Überleben des Vogels ist die Zerstörung seines Lebensraumes – vor allem das Verschwinden des Almendrobaums. Während der Trockenzeit beziehen die Vögel bis zu 80 Prozent ihrer Nahrung aus den Früchten des Baums. Zudem benutzt er die natürlichen Hohlräume in den Bäumen zum Nestbau. Ohne den Almendrobaum werden der große Soldatenara und unzählige weitere Arten höchstwahrscheinlich nicht genug Nahrung während der Trockenzeit und keine ausreichend geschützten Brutplätze finden können.


Der Untergang des Almendrobaums – Warum verschwindet er?

In den Tausenden von Jahren, in denen sich alle Arten in der Natur weiterentwickelt und angepasst haben, hat der Almendrobaum einen eigenen Weg gefunden, wie er sich vor den Gefahren seiner Umwelt schützen kann. Leider hat aber genau diese Anpassung dazu geführt, dass der Baum das Ziel eines neuen Räubers wurde, der gleichzeitig auch sein Gefährlichster geworden ist: der Mensch. Das Holz des Almendrobaums ist extrem dicht – eines der härtesten Hölzer der Welt – was ihn nicht nur gegenüber Insekten, wie insbesondere Termiten, sondern auch gegenüber Feuer und Wasser extrem widerstandsfähig macht sowie ihm eine hohe Schockresistenz verleiht. Aufgrund seiner hohen Dichte war er bis in die 1980er Jahre schwierig zu sägen und zu verarbeiten. Die neuen Technologien für Kettensägen machten es danach jedoch möglich, den Baum zu fällen und die Holzbearbeitung deutlich leichter. Seitdem ist es ein sehr begehrtes Holz für Bauprojekte wie Schienen und Brücken, für die Herstellung von Sportartikeln sowie für den Hausgebrauch in Möbeln und Holzterrassen. Costa Rica verbot die Nutzung seiner wilden Almendrobäume im Jahr 2008, jedoch ist es nach wie vor der größte Importeur von Almendroholz weltweit. Hauptsächlich stammt es aus Nicaragua, dem weltweit größten Exporteur. Außerhalb Mittelamerikas sind insbesondere die USA einer der größten Importeure des Holzes. Obwohl Nicaragua die Wichtigkeit und zunehmende Knappheit des Baumes anerkannt hat, als es ihn in CITES als Appendix-III Spezies aufgelistet hat, macht dies den Export nicht illegal, sondern erzeugt nur die Notwendigkeit zur Kontrolle der exportieren Mengen. Es ist jedoch anzunehmen, dass der Großteil der Exporte des Almendrobaums aus Nicaragua, als auch aus anderen seiner Heimatländer wie Panama und Kolumbien, aus wilden Beständen kommt und illegal gehandelt wird.


Was können wir tun?

Nachdem wir die wichtige Rolle dieser Baumart verstanden haben, sollte man sich fragen: gibt es etwas, das wir unternehmen können, um das Verschwinden dieses Baums aus seiner vorherigen Heimat und mit ihm womöglich von ganzen Ökosystemen, die von ihm abhängen, verhindern zu können?


Sicherlich sollten wir zunächst darauf hinarbeiten, das Verschwinden des Baumes aus seinem natürlichen Habitat zu unterbinden, da sich damit die natürlichen Bestäubungsprozesse entfalten können und sich die Baumpopulationen ganz natürlich erholen könnten. In der Praxis erweist sich dies jedoch ohne entsprechende Gesetze in den betroffenen Ländern als schwierig, da es ohne sie keine gesetzliche Grundlage zum Einhalt des Fällens gibt, und selbst mit solchen Gesetzen muss auch ihre Umsetzung kontrolliert werden.


Glücklicherweise gibt es jedoch Umweltorganisationen, welche Initiativen zum Schutz und zur Wiederbesiedlung des sonst verlorenen Almendrobaums führen. Eine solche Organisation ist Planet Rehab mit seiner Kampagne Just One Tree (dt. „Nur Ein Baum“). Die Idee der Kampagne ist es, Setzlinge des Almendrobaums auf der Green Acres Farm in Panama aufzuziehen, bis sie bereit dazu sind, in umweltbewusste Regionen in den Regenwäldern der Region umgepflanzt zu werden. Sie werden dann weiter versorgt und geschützt, bis sie voll ausgewachsen sind und - genau wie ihre wilden Artgenossen – Nahrung und Schutz für die vielen Arten der Gegend liefern werden. Mehr Informationen zur Initiative und Möglichkeiten zum Sponsoring eines Baums finden sich unter

https://www.planetrehab.org/just-one-tree.